Stimmen zum Sammelband

Stimmen zum Sammelband: Brigitte Bertelmann, Klaus Heidel (Hrsg.): Leben im Anthropozän.
Christliche Perspektiven für eine Kultur der Nachhaltigkeit, München 2018

Ivo Frankenreiter: „Die Zeit für die Lektüre wird reichhaltig belohnt“

Der Sammelband ist der Versuch einer adäquaten Wahrnehmung der Probleme ohne Verkürzung der Komplexität und der Schwierigkeiten ihrer Behandlung. Der Zwang, auf Vorstellungen technischer Machbarkeit und sogar den Menschen als autonomes Subjekt der Geschichte verzichten zu müssen, führt zur Suche nach indirekten Einflussmöglichkeiten. Im Fokus stehen dafür die Kritik bestehender Narrative und ihre Konfrontation mit christlichen Alternativen im umfassenden Rahmen der Kultur als Gestaltung menschlichen In-der-Welt-Seins. Wie beim Begriff „Anthropozän", so nimmt auch in der Frage der Antwort hierauf die Betonung der notwendigen Offenheit dieser Suchprozesse eine zentrale Stellung ein.

Diese Offenheit schlägt sich auch im Band selbst insofern nieder, als die vielen unterschiedlichen Ansatzpunkte und Perspektiven auf Problem und Umgangsweisen ohne echte Verknüpfung bleiben. Das kann einerseits anregend und insofern positiv sein. Andererseits würde es mangels interner Querverweise ausführliche Lektüre oder Suche erfordern, um solche offenen Fäden überhaupt erst ausfindig zu machen. Die Zeit, sich die vielen Anregungen und Perspektiven zusammenzusuchen, wird aber reichhaltig belohnt. Der Bogen reicht vom aktuellen Stand der naturwissenschaftlichen Lageeinschätzung bis in die Höhen von kosmischer Christologie (Herms; Beringer), Schöpfungstheologie (Vogt; Rosenberger) und „transformativer Spiritualität" (Stierle; Gütter). Er zeichnet somit ein umfassendes Bild des spezifisch christlichen Potentials, zu einer „Kultur der Nachhaltigkeit" für ein gutes „Leben im Anthropozän" beizutragen.

Ivo Frankenreiter ist Doktorand am Lehrstuhl für Christliche Sozialethik der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Lesen Sie auch die gesamte Rezension von Ivo Falkenreiter.

Prof. Dr. Konrad Raiser: „Ein unverzichtbarer Beitrag für Such- und Konsultationsprozesse“

Das Buch bietet vielfältige Hintergrundinformationen zur Arbeit mit dem früher bereits veröffentlichten Impulspapier „Auf dem Weg zu einer Kultur der Nachhaltigkeit". Durch die Einführung des analytischen Konzepts des „Anthropozäns" in Verbindung mit dem Modell der „planetarischen Grenzen" trägt der Band zu einer kritischen Vertiefung des Nachhaltigkeitsdiskurses bei. Die meisten Beiträge verbinden konsequent die ökologische, ökonomische und soziale Dimension der Nachhaltigkeit und begründen überzeugend die Forderung nach einem Paradigmenwechsel. Die Frage, wie der notwen-dige Bewusstseinswandel und die Schaffung einer Kultur der Nachhaltigkeit befördert werden kön-nen, wird aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. Dabei wird deutlich, dass das Leben im Anthropozän das in der christlichen Tradition überlieferte Verständnis der Beziehung von Mensch, Natur und Gott vor fundamentale Herausforderungen stellt. Die theologischen Orientierungspunkte nehmen die vom Ökumenischen Rat der Kirchen und von Papst Franziskus mit der Enzyklika „Laudato Si‘" formulierten ökumenischen Impulse auf und entfalten unter der Leitvorstellung der „Umkehr zum Leben" Umrisse einer Ethik und Spiritualität der Nachhaltigkeit. In seiner Vielstimmigkeit und seiner interdisziplinären Anlage ist der Band ein unverzichtbarer Beitrag für die mit dem Impulspapier angestoßenen Such- und Konsultationsprozesse.

Der evangelische Theologe Prof. Dr. Konrad Raiser war von 1992 bis 2003 Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen.

PD Dr. Wolfgang Schürger: „Prägnante Analysen und inspirierende Gedanken“

Immer deutlicher wird, dass der epochale Wandel zu einer nachhaltigen, postfossilen oder Post- Wachstums-Gesellschaft (die Zielbeschreibungen sind vielfältig) nicht ohne strukturelle Veränderun-gen gelingen wird. Der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen (WBGU) der Bundes-regierung spricht daher seit 2011 von der Notwendigkeit einer „großen Transformation". Im kirchli-chen Kontext hat sich 2013 das Netzwerk „Umkehr zum Leben – den Wandel gestalten" formiert, das nach christlichen Perspektiven und Beiträgen für diese große Transformation fragt. „Leben im Anth-ropozän" dokumentiert die Ergebnisse verschiedener interdisziplinärer Tagungen und Konsultatio-nen, die das Netzwerk seitdem durchgeführt hat. Herausgeberin und Herausgeber untergliedern die Beiträge in „Zeitansagen", „Bausteine" für eine Kultur der Nachhaltigkeit, christliche „Orientierungs-punkte" und „Wegmarken", die Aufbrüche kennzeichnen.

Schon die Untergliederung zeigt, dass es sich um Beiträge ganz unterschiedlichen Charakters handelt. Neben (wenigen) schwer verständlichen wissenschaftlichen Beiträgen finden sich prägnante Analy-sen des neuen Erdzeitalters des „Anthropozäns" und seiner Herausforderungen, gut nachvollziehbare Beschreibungen, wie Wege der Transformation gelingen können und vor allem inspirierende Gedan-ken zu den mutmachenden Narrativen des christlichen Glaubens.

Eine Erkenntnis, die das Buch als heimlicher roter Faden zu durchziehen scheint: Politik und nicht-theologische Wissenschaft sehen die Potenziale der Religionen, Veränderungsprozesse zu gestalten, deutlicher und schätzen ihre Bedeutung für ein Gelingen der Transformation höher ein als die Kir-chen selbst. „Das Bewusstsein von Gefahren und Geschwindigkeiten der Transformation ist in der Mitte der Institution [Kirche] noch kaum angekommen", schreibt etwa Cornelia Coenen-Marx (296f).

Was aber können dann christliche Perspektiven für eine Kultur der Nachhaltigkeit sein? Mehrfach begegnen in den Beiträgen die Anwaltschaft für die Schwachen und die Frage, was ein „Leben in voller Genüge" (Joh 10,10) wirklich ausmacht. Vor allem aber das Vertrauen auf die Zusage Gottes und das bedingungslose Angenommensein jedes Menschen, das uns aus dem Haben-Müssen zum Sein befreit. Aus diesem Leben in der Zusage Gottes entsteht Hoffnung.

KR PD Dr. Wolfgang Schürger ist Beauftragter für Umwelt- und Klimaverantwortung der Evangelisch- Lutherischen Kirche in Bayern.

Prof. Dr. Gérard Siegwalt: „Ein starker, eindringlicher und kohärenter Weckruf“

Die aus verschiedenen wissenschaftlichen Fachbereichen und nach dem letzten Stand dokumentierten Beiträge zeigen, dass es sich beim Anthropozän, dem neuen Zeitalter, das die Menschheit und die gesamte Erde durch die ungewollten aber effektiven katastrophal zerstörerischen Auswirkungen unserer durch die Ausbeutung der Natur geprägten Zivilisation kennzeichnen, um einen letztlich uns alle gleichermaßen betreffenden irreversiblen Vorgang handelt. Ein tiefer Ernst ist die Grundstimmung, getragen von einer von den Beiträgen auf den Leser übergehenden Erschütterung: wahrscheinlich ist es schon zu spät; vielleicht gibt es doch noch eine Hoffnung auf eine wesentliche Änderung unserer Zivilisation. Ein auf christlicher – schöpfungstheologischer und prophetischer – Grundlage beruhender Ansatz für ein notwendendes – kollektives und individuelles – Umdenken und ein neues, sinnstiftendes, konstruktives Handeln. Das Buch ist ein starker, eindringlicher und kohärenter Weckruf nicht nur an die Kirchen, von denen gewiss ein exemplarischer Einsatz erwartet wird, sondern an die gesamte Gesellschaft und die sie bestimmende Zivilisation, die ihren (weltanschaulichen, ethischen und theologischen) Kompass verloren hat.

Prof. Dr. Gérard Siegwalt (* 1932) lehrte von 1959 bis 1997 Dogmatik an der Fakultät für protestantische Theologie der Universität Strasbourg.

Martin Geisz, philosophie-lernen.de: „Es sollte in der Schulbibliothek stehen."

Zum Buch

„Wir leben im Anthropozän, denn der Mensch ist zum geologischen Faktor geworden. Er hat so tief in das Erdsystem eingegriffen und dabei planetarische Grenzen verletzt, dass die Zukunft der menschlichen Zivilisation bedroht ist. Daher ist eine sozialökologische Transformation hin zu einer globalen Kultur der Nachhaltigkeit die zentrale Herausforderung im 21. Jahrhundert. Dies gilt auch für Theologie und Kirche.“ So formuliert die Website des Ökumenischen Prozesses „Umkehr zum Leben – den Wandel gestalten“. Dieses Buch will Ergebnisse der Arbeit in diesem Prozess öffentlich zugänglich machen und Impulse für weitere Schritte für die notwendigen Veränderungen in unserer Gesellschaft geben. „Die Herausgeber formulieren im Vorwort: „Insgesamt versteht sich der hiermit vorgelegte Sammelband als Ermutigung zu einer furchtlosen Intensivierung des Diskurses über neue Herausforderungen für Theologie und Kirche im Anthropozän in der Überzeugung, dass neue Wege für einen kulturellen Wandel zu einer nachhaltigen Gesellschaft und Wirtschaft gesucht werden müssen, aber auch entdeckt werden können“(S.13).

Als Zielgruppen für dieses Buch werden benannt:

- „Verantwortliche in Kirchen und kirchlichen Organisationen der unterschiedlichsten Bereiche und Leitungsebenen“

- Christinnen und Christen

- außerkirchliche Öffentlichkeit

Einordnung für die Bildungsarbeit

Religions-, Ethik- und Philosophieunterricht wird genauso wie die Fächer der Politischen Bildung um die in diesem Buch aufgeworfene Thematik nicht herumkommen. Die Frage nach den bestimmenden Faktoren für die Zukunft des Planeten (und der Menschheit stellt sich dringend und ist mit einzelnen begrenzten Maßnahmen zur Bekämpfung der Folgen aus unserem Leben in der globalisierten Konsumwelt ( … „Plastik verbieten“, „Energie sparen“, „Fahrverbot für Dieselautos …) mit Sicherheit nicht zu lösen. Dieses Buch stellt Positionen und Denkmöglichkeiten (aus christlicher Sicht) zur Verfügung. Es sollte in der Schulbibliothek stehen.