- Grundlagen

Veranstaltungen

Exerzitien im Alltag

08.09. – 12.09.2019

Anfang 2018 hatte eine ökumenische Arbeitsgruppe in der Pfalz Materialien für Exerzitien im Alltag zum Thema „erd-verbunden. ökumenisch-geistlicher...

RSS abonnieren

Was ist Divestment

Beim Divestment, als Gegenstück zum Investment, geht es darum, laufende Investitionen aus Unternehmen abzuziehen und von Neuinvestitionen abzusehen. Auf den folgenden Seiten geht es um die aktuelle Divestment Bewegung, die sich gegen die Förderung fossiler Brennstoffe richtet. In der Vergangenheit hat es ebensolche Inititativen gegen etwa das Apartheidsregime in Südafrika oder die Tabakindustrie gegeben.

Unternehmen, Gemeinden und viele kirchliche Institutionen in Deutschland haben ihre Vermögen u.a. in Fonds investiert, die auch Unternehmensanteile derjenigen Unternehmen beinhalten, die fossile Brennstoffe fördern, produzieren und verarbeiten. Fossile Brennstoffe gehören global zu den großen Anlageklassen und sind aufgrund von Maßstab, Liquidität und Ertrag bei Investoren sogar beliebt.Die Förderung von Kohle, Öl und Gas läuft aber jeglichem Bestreben zuwider, die den Klimawandel zu begrenzen. Fossile Brennstoffe sind nicht zukunftsfähig (siehe auch Was ist die Kohlenstoffblase). Dies haben auch Unternehmen bereits erkannt und damit begonnen, sich am Divestment zu beteiligen.2 Das Ziel der Divestmentbewegung ist, Institutionen und Einzelpersonen dazu zu bewegen, von neuen Investitionen in Kohle-, Öl- und Gaskonzerne abzusehen und bereits angelegte Gelder Schritt für Schritt abzuziehen. Durch die Schaffung einer Öffentlichkeit wirkt das Divestment auf politischer Ebene und schafft ein Klima, indem die fortlaufende Ausbeutung und Verbrennung fossiler Ressourcen inakzeptabel und das Suchen nach Alternativen dringlicher wird.

Warum Divestment

Der anthropogene Wandel des Erdsystems ist nicht unabhängig von unserem Finanz- und Wirtschaftssystem. Im Gegenteil. In gleichem Maße wie es im Zentrum gesellschaftlichen Zusammenlebens steht, ist es integraler Bestandteil des Anthropozäns und bedarf einer umfassenden Umgestaltung.1 

Die Idee des Divestment setzt bei den bestehenden Investitionsstrukturen an. Gemeinden und Institutionen in Deutschland sichern zum Beispiel ihre Pensionsfonds durch Anlagen, die unter anderem Anteile fossiler Unternehmen beinhalten können. Damit beteiligen sie sich indirekt an einer Verschärfung der Klimakrise. Bestehende Investitionen aus diesem Bereich abzuziehen, ist daher eine notwendige Konsequenz, wenn wir uns einer Kultur der Nachhaltigkeit verpflichtet fühlen.

Divestment setzt ein wichtiges politisches Zeichen. Je mehr Institutionen sich öffentlich dazu bekennen, desto größer wird die Legitimationsgrundlage für die notwendigen Schritte, um die bevorstehende Klimakatastrophe abzuwenden. Als politisches Handeln sollte Divestment aber daher auch einhergehen mit weiteren Aktionsformen wie etwa dem Engagement.

Aus moralischer Sicht setzt Divestment unser Versprechen, sich dem anthropogenen Wandel entgegenzustellen und die Schöpfung zu achten, in Einklang mit unseren Taten. In diesem Zusammenhang spielen auch die Investitions- und Konsumentscheidungen jedes Einzelnen eine Rolle. Viel wichtiger ist jedoch, dass großflächig Alternativen zu den fossilen Brennstoffen geschaffen und gefördert werden, z.B. im Bereich Heizen oder Mobilität, auf die einzelne Haushalte zurückgreifen können. Zur Schaffung einer breiten Öffentlichkeit ist es daher wichtig, dass Gemeinden, Landeskirchen und Bistümer, Synoden und Diözesanräte sich zum Divestment verpflichten und bekennen. Darüber hinaus sollten diejenigen in kirchenleitenden Positionen den Dialog mit führenden Unternehmen suchen.

Was ist die Kohlenstoffblase

Foto: Felix Müller, Lizenz: CC BY-SA 3.0
Abbildung der Kohlenstoffblase

Als Kohlenstoffblase (engl. Carbon bubble) bezeichnet man die Spekulationsblase, die sich aus der Überbewertung von Unternehmen im Bereich der fossilen Brennstoffe ergibt. Dabei geht man davon aus, dass die verbleibenden Rohstoffreserven einem hohen Risiko ausgesetzt sind, nicht mehr verbraucht zu werden. Die Berechnungen dazu basieren immer auf der Grundannahme, dass die Globale Klimaerwärmung unter 2°C gehalten werden soll. Die Menge an CO2, das noch emittiert werden darf, ist dann begrenzt. 

Bei einer Eindämmung der globalen Erderwärmung auf 2°C beispielsweise, ist die Menge an CO2, die produziert werden darf, begrenzt. Laut Berechnungen der Carbon Tracker Initiative blieben schon im Jahr 2011 nur noch weniger als 565 Mrd. Tonnen CO2. Das Mercator Research Institute für Global Commons hat für dieses sogenannte "Carbon Budget" eine Uhr eingerichtet. Je nachdem, ob man ein 1,5°C oder ein 2°C Szenario und welche Schätzung des IPCC man zugrunde legt variiert das Carbon Budget. Im schlimmsten Fall haben wir das CO2 Budget bereits über 103 Millionen Tonnen überschritten (1,5 °C und Lower Estimate) oder noch maximal 21 Jahre und 10 Monate, um weitere 876 Millionen Tonnen CO2 zu verbrennen (2°C und Uppe Estimate). 

Man kann davon ausgehen, dass im Zuge der internationalen Klimaabkommen weitere politische Maßnahmen ergriffen werden, die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas einzudämmen. Führen solche Maßnahmen zum Platzen der Kohlenstoffblase, hätte dies drastische Auswirkungen auf den Finanzmarkt. Aber nicht nur politische Maßnahmen, auch technologische Entwicklungen könnten dafür sorgen, dass ein Großteil der fossilen Energiereserven schnell zu so genannten "Stranded Assets" werden, also zu Anlagen, die eine plötzliche Abwertung erfahren. Laut einer Studie der Green European Foundation1 beliefen sich die Risikopositionen im Jahr 2014 auf 260-330 Milliarden Euro bei den Europäischen Pensionsfonds, 460-480 Milliarden Euro bei den Banken und auf 300-400 Milliarden Euro bei den Versicherungsunternehmen. Das Platzen der Blase allein, also ein Carbon Shock, habe laut Studie zwar keine systemischen Auswirkungen auf das EU-Finanzsystem, könne aber gepaart mit anhaltender Fragilität der Eurozone schwerer zu absorbieren sein. Einzelne Institutionen und EU-Länder seien besonders gefährdet.


Green European Foundation (2014): Green New Deal Series volume 11. The Price of Doing Too Little Too Late The impact of the carbon bubble on the EU financial system.

Geschichte der Divestment Bewegung

Die Divestment-Bewegung nahm ihren Anfang im Jahr 2010 im Swarthmore College in der Nähe von Philadelphia, USA. Studenten hatten nach mehreren Exkursionen in Gebiete des "Mountaintop Coal Mining" (dt. Bergbau durch Gipfelabsprengung) beschlossen, in Aktion zu treten und die College-Leitung  dazu aufgefordert, alle Investitionen aus fossilen Energieträgern abzuziehen. Dies ist in Swarthmore zwar bis heute noch nicht geschehen (siehe Debatten zwischen Professoren, Geschäftsführung und Studierenden), aber die Divestment Bewegung nahm Fahrt auf. 2011 setzten sich an einer Handvoll weiterer nordamerikanischer Colleges Studenten für Divestment ein. Viel Gehör fand ein von Bill Mc Kibben im Jahr 2012 veröffentlichter Artikel, in dem er zu einer globalen Divestment-Kampagne aufruft1. Vorbild für das Divestment aus fossilen Energieträgern ist dabei die Divestment Bewegung gegen den Staat Südafrika als Protest gegen die Apartheid in den 19080er Jahren.  Bill Mc Kibben veröffentlichte 1989 eines der ersten Populärwissenschaftlichen Bücher über die Globale Klimaerwärmung2 und war als Mitgründer der Initiative 350.org bereits seit 2008 politisch aktiv. Im Jahr 2012 startete 350.org die "Go Fossil Free" Kampagne. Fossil Free bietet als online Plattform heute Kampagnenvorschläge, Arbeitsmaterialen und Informationen über Divestment-Erfolge an. Ende des Jahres 2015 unterstützten laut Studien von Arabella Advisors 436 Institutionen und 2040 Individuen aus 43 Ländern das Divestment, die eine Summe von 2.600 Milliarden US-Dollar repräsentierten.3 Laut Fossil Free beläuft sich die Zahl heute auf 799 Institutionen in 71 Ländern bei einer Summe von 5,5 Billionen US-Dollar.4. Während sich zu Beginn vor allem Stiftungen, wie die Rockefeller Stiftung oder die Bill & Melinda Gates Foundation sowie Universitäten dem Divestment anschlossen (bis 2015 waren es bereits 40 Universitäten5), kamen  nach und nach auch kirchliche Einrichtungen und Glaubensgemeinschaften, Bundesländer und Gemeinden weltweit dazu. In Deutschland haben sich nach erfolgreichen Kampagnenbestrebungen bisher die Stadtstaaten Berlin und Bremen, die Städte Münster, Stuttgart und Göttingen sowie die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau,  die Evangelische Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und die Katholische Bank für Kirche und Caritas eG zum Divestment bekannt.


1 Mc Kibben, Bill (2012): Global Warming's Terrifying New Math, in: RollingStone. online Artikel.

Mc Kibben, Bill (1989): The End of Nature, New York: Randomhouse.

3 Arabella Advisors (2015): Measuring the Growth of the Global Fossil Fuel Divestment and Clean Energy Investment Movement, in: https://www.arabellaadvisors.com/wp-content/uploads/2016/10/Measuring-the-Growth-of-the-Divestment-Movement.pdf

4 https://gofossilfree.org/commitments/

5 http://time.com/4045001/fossil-fuel-divestment/

Kritik an Divestment

Kritiker weisen darauf hin, dass aller Voraussicht nach der Einfluss von Divestment auf den Aktienmarkt gering bleiben wird.1

Christian Parenti, Professor für Nachhaltige Entwicklung am Graduate Insitute kritisiert Divestment als Methode, auch wenn er hinter den Zielen stehe. Die Ölkonzerne machten ihr Geld nicht mit Aktien, sondern mit Öl. Zudem seien 75 % der Ölreserven weltweit in staatlicher Hand.2 Dem Argument, dass Institutionen den fossilen Energieunternehmen durch ihr Divestment die 'soziale Lizenz' entzögen, setzt er entgegen, dass das Ansehen bspw. der Ölkonzerne bereits sehr schlecht sei. So belegten diese bei Sympathieumfragen in den USA immer wieder den letzten Platz. Real ändere dies aber nichts am Verhalten der Konsumenten. Parenti plädiert für mehr staatliches Handeln und rechtliche Intervention als einzige Möglichkeit, um wirklich Einfluss zu nehmen. Die Antwort der Studierenden aus Swarthmore, sozusagen den Aktivisten der ersten Stunde, bekräftigte erneut, dass es nicht in erster Linie das Ziel sei, den Unternehmen ihre finanzielle Grundlage zu nehmen. Es gehe vielmehr darum eine Message an die Zivilgesellschaft zu senden und den fossilen Unternehmen ihre Legitimationsgrundlage zu entziehen. Staatliches Handel allein reiche nicht aus und im Bezug auf den Schutz betroffener Gemeinschaften, habe der Staat oft versagt.

In einem Artikel in der New York Times, der als Reaktion auf den Divestment Beschluss der Stanford University erschien, vertritt Ivo Welch, Professor für Finanzwirtschaft und Ökonomie an der Universität von Kalifornien, die Meinung, dass Divestment Bestrebungen generell wenig ökonomischen Einfluss auf die betreffenden Unternehmen hätten. Dies sei bereits beim Divestment aus Südafrika so gewesen.3 In diesem Zusammenhang verweist er auf eine Studie aus dem Jahr 1999, an der er selbst mitwirkte.4 Welch schlägt vor, man solle statt zu desinvestieren vielmehr so viele Anteile wie möglich an den betreffenden Unternehmen erwirken, um als Shareholder Einfluss ausüben zu können.  Als Reaktion darauf erklärten Studentinnen und Studenten aus Harvard, Stanford und von der Universität Kalifornien, das Ziel der Divestment Bewegung sei nicht in erster Linie die Einflussnahme auf den Markt, sondern erstens das Handeln mit Werten in Einklang zu bringen und zweitens den öffentlichen Diskurs zu beeinflussen. Sowohl Bourqui als auch Telemacque bekräftigen die Erfolge des Divestment in Südafrika. Auch hier sei es nicht darum gegangen den Staat finanziell zu ruinieren, sondern politisch und moralisch. In den USA erreichten die Studierenden Mitte der 1980er so Kongress-Anhörungen und die britischen Studenten bewegten die Barclays Bank durch zehntausende Schließungen von Konten und öffentlichem Druck dazu, sich gänzlich aus Südafrika zurückzuziehen.5 Langfristig gesehen, sei aber auch ein finanzieller Einfluss nicht unrealistisch. So seien innerhalb von zehn Jahren 350 Millionen Dollar aus Südafrika abgezogen worden, was durchaus als finanzieller Schlag angesehen werden müsse.


3 Welch, Ivo (2014): Why DIvestment Fails, in: https://www.nytimes.com/2014/05/10/opinion/why-divestment-fails.html

5 Lohr, Steve (1989): Barclays Pullout: The Pressure Grew, in: http://www.nytimes.com/1986/11/25/business/barclays-pullout-the-pressure-grew.html

Träger

Neuste Downloads